Im Schatten deutscher Helden

Georg Elser vs. Graf Stauffenberg und das erneute deutsche Bedürfnis nach Selbstverherrlichung der alten Misere.

Die Bezeichnung als „Säulenheilige“ umschreibt die offizielle Wahrnehmung der Verschwörer vom 20. Juli um den deutschen Militaristen und Grafen Stauffenberg treffend, ist man sich der Auseinandersetzung gewahr, die im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der amerikanischen Kinoproduktion „Operation Walküre“ in der deutschen Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Vom Sohn des „deutschen Helden“ (laut „Stern“) Berthold S. Graf Stauffenberg war anlässlich der beginnenden Dreharbeiten zu vernehmen, der Amerikaner und Scientologe Tom Cruise solle als Darsteller Stauffenbergs „…seine Finger von meinem Vater lassen“. Abgeordnete der CDU empörten sich gemeinsam mit dem Leiter des „Bendler-Block“, der offiziellen Gedenkstätte für den „deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus“, über die vermeintliche Vereinnahmung des „…antitotalitären Kampfes Stauffenbergs“ (M. Brand, CDU, MdB) durch eine antidemokratische und totalitäre Organisation wie der Scientology-Kirche. Die Geschichtsklitterung und den mit nur wenig Phantasie zu entdeckenden Affekt gegen „den Ami“ (deutscher Volksmund) zu entlarven fällt umso leichter, kennt man eine Zeile aus einem Brief, den der so vehement Verteidigte 1939 während des Polenfeldzugs an seine Frau Nina schrieb: „“Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohl fühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun“. Der adelige Gegner Hitlers mag seine diesbezüglichen Ansichten bis zum Zeitpunkt des gescheiterten Attentats 1944 geändert haben. Einen Demokraten zu sehen, der in der heutigen Zeit als „Blanko-Vorbild“ für eine aufgeklärte und der allgemein gültigen Vorstellung von „westlichen Werten“ entsprechende Erziehung dienlich ist, fällt allerdings schwer, ist man sich über die Vision des Nachkriegsdeutschlands ohne Hitler klar, die der Verschwörerkreis um Stauffenberg der Nachwelt schriftlich hinterlassen hat. Eine lupenreine Militärdiktatur wäre es gewesen, und dieser Umstand ist durchaus in der bürgerlichen Wissenschaft bekannt, ebenso wie der „biographische Schönheitsfehler“, dass der Edle 1933 als 26jähriger ein glühender Befürworter des Nationalsozialismus war. Dass diese Tatsachen im öffentlichen Diskurs mehr oder weniger ignoriert werden und Kasernen, Schulen und Straßen den Namen des gescheiterten Bombenattentäters tragen, ist nicht nur der elenden Tradition der preußisch-deutschen Geschichtsbetrachtung innerhalb der spektakulären Populärwissenschaften geschuldet, die immer plakative Helden und große Geschichten benötigt, sondern auch der offensichtlichen Unfähigkeit der Deutschen an sich zur Verinnerlichung wirklich zivilisierter und aufgeklärter Werte.

Betrachtet man erst das Schicksal eines anderen gescheiterten, aber dafür wahrhaft antagonistischen Gegners von Hitler, dann wird diese deutsche Misere plausibel.

Georg Elser gab, im krassen Gegensatz zu den Verschwörern des 20. Juli, niemals den schneidigen Wehrmachtsoffizier. Elser, der sich schon 1933 öffentlich gegen den Nationalsozialismus aussprach, war zeitweise Mitglied der KPD und des Rotfrontkämpferbundes, dessen Abzeichen er auch noch trug, als er 1939 in die Fänge der Gestapo geriet. Schon 1938, kurz nach dem „Münchener Abkommen“, zu dessen Ermöglichung der französische Außenminister und der englische Premier der Annexion des Sudetenlandes zustimmten, entschloss sich Georg Elser in größter Klarsicht, Hitler umzubringen um den Krieg zu verhindern. Das war ein halbes Jahrzehnt vor dem Entschluss Stauffenbergs zur Aktion gegen seinen Herrn und kurz vor dem Beginn des deutschen Polenfeldzugs, an dem Stauffenberg selbst als Offizier begeistert teilnahm.
Im August 1939 höhlte Elser in nächtelanger harter Präzisionsarbeit eine Säule des Münchner Bürgerbräukellers aus, weil er wusste, dass Hitler dort seine alljährliche Rede zum Jahrestag des vereitelten Putsches vom 19.11.1923 halten würde. Die perfekt konstruierte Bombe wurde durch einen Zeitzünder, allerdings erst 13 Minuten nachdem der Diktator vorzeitig den Saal verlassen hatte, ausgelöst. Der Führer des deutschen Staatsvolks musste die Veranstaltung wegen starkem Regenfall früher als geplant beenden und nahm nicht das Flugzeug, sondern den Zug zurück nach Berlin. Der Sprengsatz verwüstete den Saal, tötete 8 und verletzte 63 Besucher der Nazifeier, davon 16 schwer. Unter den Toten waren 7 Mitglieder der NSDAP. Georg Elser scheiterte tragisch. Er wurde auf seiner Flucht von der Gestapo gefasst, verhört und gestand die Tat unter Folter. In der deutschen Öffentlichkeit wurde die einsame Tat propagandistisch als angebliche Verschwörung des englischen Geheimdienstes ausgeschlachtet. Nach 1945 wurde Georg Elser die Ehrung als Widerstandskämpfer verwehrt. Die Sicht auf ihn blieb, nach wie vor, vom Bild aus der Nazipropaganda bestimmt. Die Deutschen, die in zigmillionenfacher Mittäterschaft geschlossen in den Untergang marschiert waren, konnten sich zur Sympathie mit einer Tat, die ein einzelner allein aufgrund seines Gewissens und Bewusstseins begangen hatte, einfach nicht durchringen. Erst 1964 wurde durch den Historiker Lothar Gruchmann zweifelsfrei die Einzeltäterschaft Elsers festgestellt. Trotzdem bleibt eine offizielle Ehrung, in einem Ausmaß das dem Umgang mit Stauffenberg gleichkäme, bis heute aus.
Wie könnte es auch anders sein? Die Deutschen sehnten sich schon immer nach Helden aus den „eigenen Reihen“. Der dumpfe Stammtischpatriot für die ersehnte Unterfütterung seines Ressentiments; die sich aufgeklärt und weltoffen gerierenden Charaktermasken der bundesrepublikanischen Elite in Parlamentsausschüssen und Chefsesseln für ihre Politik. Ein kommunistischer und konsequent handelnder antifaschistischer Arbeiter passt hier nicht ins gewünschte Bild und bleibt der Volksgemeinschaft als der Außenseiter von damals auch heute verdächtig.

Die Normalisierung Deutschlands als Staat, der „in Augenhöhe“ (Richard von Weizsäcker) auf dem Parkett der Weltbühne agieren kann, diese imperialistische Normalisierung, die mit dem Abzug der Amerikaner als Besatzungsmacht und der „Beendigung des schlimmsten Unglücks innerhalb der deutschen Geschichte“ (Guido Knopp über die vorübergehende Zweistaatlichkeit) – der deutschen Wiedervereinigung – neuen Anlauf nahm, wurde spätestens mit der treibenden Teilnahme der Bundeswehr am Balkankrieg und der infamen Argumentation: gerade wegen Auschwitz einen imperialistischen Kriegsüberfall gegen angeblich gleichbedeutende Regimehandlungen des (aus dem Antihitlerkrieg geborenen) jugoslawischen Staats führen zu „müssen“ um diesen zu zerstören, abgeschlossen. Statt: „Nie wieder Krieg … wegen Faschismus und Nationalsozialismus“ (so die Friedensbewegung der 80er Jahre – DKP, die Grünen, linke Sozialdemokraten, Kirchen etc.), heißt es seit 1998: „Krieg wegen Faschismus und Nationalsozialismus“ (so nun die ehemaligen Friedensbewegten – Grüne, Sozialdemokraten etc.). Dieser Paradigmenwechsel in der deutschen Selbstwahrnehmung ist ebenso tiefgreifend wie die einhergehende Außenpolitik, die heute, frei von den pazifistischen Verbrämungen der Vergangenheit, flexibel agieren kann. 1998 wurde die jugoslawische Wirtschaft um 30 Jahre zurückgebombt; 2003 wiederum verweigerte sich die deutsche Regierung den militärischen Maßnahmen der USA gegen das Regime von Saddam Hussein und präsentierte sich weltweit als geradezu pazifistische „aufgeklärte Nation … die aus der Geschichte gelernt hat“ (Gerhard Schröder). Ob in Afghanistan oder auf „Piratenjagd“, ob im Israel/Palästina-Konflikt, das Empfinden der Mehrheit der Deutschen ist, bei allen weltpolitischen Fragen, immer das der „Gerechten“. „Wir sind wieder wer“ (Volksgemurmel), Deutschland ist normales Mitglied der „Völkergemeinschaft“ (Steinmeier). Dieses eitle Selbstgefühl braucht deutsche Helden als Projektionsfiguren, als wohlfeile Selbstversicherungsmöglichkeit und Aushängeschild. „Unsere Jungs“ bei der Weltmeisterschaft, „unsere Jungs“ vom 20. Juli — „Haben sie auch verloren, wir sind doch die Besten“. Die geschichtliche Kontinuität des Gedenkens an eine „Schicksalsgemeinschaft“ (E. Stoiber), diese kollektive Selbstbespiegelung bei der pseudomoralischen Untermauerung der bundesrepublikanischen Außenpolitik, die stumpfsinnige Opferbereitschaft und das gleichgebliebene Sendungsbewusstsein im Deutschland der letzten Jahrzehnte, all das ist nicht nur an der heroisch dargestellten Figur: Stauffenberg, sondern auch anhand der offensichtlich nach wie vor gültigen nationalchauvinistischen Setzung aus dem untergegangen Kaiserreich: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ diagnostizierbar. Stauffenberg passt in diesem Kontext wie die Faust aufs teutonisch-demokratische Auge. Er glaubte, gehorchte, lebte preußische Zucht und Ordnung, lehnte sich auf um die großdeutsche Sache doch noch zu retten, scheiterte an der Übermacht des Bösen und starb den Märtyrertod in klassischer Heldenmanier für das„heilige Deutschland“ (seine letzten Worte), als wäre er ein Charakter aus der Wagner-Oper „Die Götterdämmerung“.
Georg Elser dagegen erinnert das Volk der „geläuterten“ Täter lediglich an den systematischen Selbstbetrug, der hinter den eigenen elenden tradierten Werten steht. Er war kein schmissiger Offizier und kein Anhänger des Militarismus, er hegte niemals auch nur die geringste Sympathie für den Nationalsozialismus. Er entschied sich aus seinem Gewissen und Klasenbewusstsein heraus schon früh „Nein“ zu sagen, während die deutsche Volksgemeinschaft bis zuletzt bei jedem nur erdenklichen Unrecht mittat. Er wollte leben und versuchte sich durch Flucht ins Exil vor dem Heldentod zu bewahren. Seine Bombe ist bis heute der materielle Gegenbeweis zu der ständig geäußerten kollektiven Selbstversicherung der „Opfer des Weltkriegs und des Totalitarismus“ deutscherseits: „Wir wussten doch von nichts… wir konnten ja nichts tun“.

Wenn jemand als antifaschistischer Widerstandskämpfer die Ehrung als Held verdient hat, dann ist es Georg Elser! Allerdings: Eine offizielle Würdigung wäre in Deutschland aktuell total unangebracht und würde einer Verhöhnung gleichkommen. Leider ist es PolitikerInnen und den ProtagonistInnen der MeinungsmacherInnenzunft schon immer problemlos gelungen, innerhalb des postnazistischen Diskurses historische Personen ob ihrer propagandistischen Verwertbarkeit aus ihrem historischen Kontext zu reißen, um die deutsche Geltungssucht intellektuell und scheinmoralisch mit toten „Kronzeugen“ unterfüttern zu können. Dass z.B. Karl Marx in einer Familiensendung problemlos als einer von „unseren Besten“ genannt wird, ohne dass sich in westdeutschen Gefilden auf sein theoretisches Werk jemals offiziell berufen worden wäre, er gar in traditionell staatstragenden Kreisen als einer der „größten Verführer der Menschheitsgeschichte“ gilt, mag in diesem Zusammenhang genauso wenig verwundern wie das bundesweite „Brecht-Jahr“ (2006), das selbstgefällig landesweit abgehalten wurde, ohne dass die kommunistische Grundüberzeugung des posthum zum Kronzeugen der deutschen Herrlichkeit der Jetztzeit degradierten Prosaikers, Schriftstellers und Theaterschaffenden ernsthaft Beachtung gefunden hätte. Das Andenken an Georg Elser und andere Menschen, die sich in einem fundamentalen Antagonismus zur nationalsozialistischen Terrorherrschaft der Deutschen befanden, die sich niemals den antisemitischen und nationalistischen Wallungen im völkischen Taumel der kollektiven Verrohung hingegeben haben, konsequent auf Rassenhatz, Arisierungsgewinn und Denunziation verzichteten und sich dem preußischen Strammstehen auf den Exerzierhöfen von Wehrmacht, SA und SS durch Fahnenflucht, Sabotage oder gewaltsamen Widerstand entzogen haben, sind vor einem propagandistischen Missbrauch durch die Heldenbilder produzierende „erinnerungspolitische“ Gedenkindustrie im Dienste des real existierenden Deutschlands, seiner konformistischen StaatsbürgerInnen, dieser selbstgerechten Kinder und Kindeskinder der Organisatoren der Shoa, zu schützen!
Wenn der Begriff Moral für CommunistInnen eine Bedeutung haben soll, dann kann es sich hierbei nur um eine revolutionäre Moral handeln, die in ihren kategorischen Setzungen über das Bestehende hinausweist. Diese Einsicht verbietet einen eventuellen Appell zum öffentlichen Gedenken an Georg Elser, da ein solcher in den herrschenden Verhältnissen nur staatstragend wirksam werden könnte. Es bleibt lediglich das Eingedenken der wahren Begebenheiten wach zu halten und in Kreisen revolutionär Interessierter über die Geschichte einer großen menschlichen Tat zu berichten, um heute in Theorie und Praxis alles zu tun „…daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“ (Adorno).

Johann Georg Elser wurde, 1 Monat vor der offiziellen Kapitulation der Wehrmacht, am 8.4.1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet. Er war 42 Jahre alt. Der gelernte Gipser und SS Oberscharführer Theodor Heinrich Bongartz tötete ihn mit einem Genickschuss, auf direkte Weisung seines obersten Befehlshabers Adolf Hitler.
Außer seinen Angehörigen hinterließ Georg Elser vor allem die Erinnerung an eine einsam- autonome Tat, mit der sich ein vernünftig gebliebener Mensch in Deutschland, unter Aufbietung all seiner individuellen Kraft und List, gegen die unbeschreibliche Barbarei und Komplizenschaft der übergroßen Mehrheit seiner Mitmenschen, des deutschen Staatsvolks, gestemmt hat.
Der Todestag des einfachen Tischlergesellen, kommunistischen Proletariers und antifaschistischen Widerstandskämpfers Georg Elser jährte sich am 09.04.2009 zum 66. Mal.
1939 – 2009 – Georg Elser Eingedenken!

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